Development Turnament 2016

 

16. August bis 21. August 2016 Sevenoaks/England

 

Unsere Aufstellung:

 

Gunnar Weiland (11), Annett Hanicke (3), Romy Pötschke (13), Anna Döring (4), Jessica Fischer (17). Luise Mittag (2), Sarah Lenz (5), Lutz Grundmann,  Angelika Zschornack, (Trainer) v.l.n.r

 

Thomas Mittag, Stefan Wicklein (Techniker)

 

Weiterhin begleiteten uns 6 Assistenten.

"WECHSELBAD DER GEFÜHLE"

1. Tag, Anreise:

 

10:00 Uhr starteten mein Freund, meine Assistentin und ich Richtung Leipzig, um meine Freundin und Mannschaftskapitänin Sarah sowie ihre Assistentin für unsere lang geplante Reise nach England abzuholen. Nachdem wir unser gesamtes Gepäck, die Hilfsmittel und das Equipment für den E-Rolli-Fußball in meinem 2,7-Tonner verstaut hatten - das Auto war knacke voll, sag ich Ihnen - ging es endlich los Richtung Eindhoven, unserem Zwischenstopp in den Niederlanden. Nach etwa 7-stündiger Fahrt, inklusive der Pausen, kamen wir im barrierefreien Designhotel „Inntel Hotels Art Eindhoven“ an. Nach dem Essen fielen wir müde, aber glücklich ins Bett.

 

 

2. Tag, Anreise:

 

Nach einem leckeren, heißen Kaffee bzw. Kakao fuhren wir morgens halb 10 weiter durch Belgien und Frankreich nach Calais, um unsere Fähre nach Dover rechtzeitig zu bekommen. Die Überfahrt klappte problemlos. Wir durften sogar etwas eher als die anderen Passagiere von Deck, zurück zu unserem Auto, um alles wieder in Ruhe einladen zu können. Denn während der 1,5-stündigen Überfahrt durfte man aus Sicherheitsgründen nicht im Auto sitzen bleiben. Nach ca. 2,5 Autostunden mit Stau erreichten wir endlich Sevenoaks/England.

 

Im Internat der Valence School, einer Sportschule für Schüler mit Behinderungen, angekommen, richteten wir uns erstmal in den Zimmern des barrierefreien Bungalows ein. Anschließend wollten wir uns beim Barbecue stärken. Die Bratwürste waren mit Verlaub jedoch ungenießbar. Ehrlich gesagt, ist das englische Essen im Allgemeinen sehr außergewöhnlich und manchmal sogar fast ungenießbar. Zum Glück gab es einen Supermarkt in der Nähe, dessen Angebot uns, kulinarisch gesehen, über die Zeit des E-Rolli-Fußball-Turniers hinweg half. Das Barbecue hatte jedoch auch sein Gutes: Wir trafen unsere Mannschaftskollegen, alte und neue Gegner und freuten uns auf die kommenden Tage.

 

 

17.08.2016:

 

Vormittags fand die Klassifizierung einiger Spieler statt. Im E-Rolli-Fußball gibt es zwei Klassen. Die Einordnung orientiert sich an den körperlichen Beeinträchtigungen der Spieler. Maßgebend ist, inwieweit sich diese aufs Spiel auswirken. Spieler mit F1 sind in Bezug aufs Spielen höher beeinträchtigt als Spieler mit F2. Pro Spiel dürfen nur zwei Spieler mit F2 auf dem Feld sein, damit es möglichst gerecht zugeht. Ich, und weitere 4 Spieler unserer Englandauswahl, wurden in die Klasse F1 eingeordnet. Im Anschluss an die Klassifizierung wurden wir mit den schuleigenen Bussen zum Training in die Turnhalle im Stadtkern gefahren, denn das Internat lag ganz schön weit draußen. Dort trainierten alle Mannschaften mit ihren eigenen Trainern. Das Training wurde von Experten der EPFA, dem europäischen Verbund des E-Rolli-Fußballs, begleitet. Unsere Trainer und wir erhielten wertvolle Tipps. Nach einem 2-Gänge-Menü mit nahezu allen Turnier-Beteiligten im Golfclub, unweit des Internats, fielen wir müde, aber glücklich, ins Bett. Ach übrigens, am Turnier nahmen 4 Mannschaften teil: England, Irland, Österreich und natürlich Deutschland.

 

 

18.08.2016:

 

Am nächsten Tag absolvierten wir Testspiele, um unsere Gegner kennenzulernen und uns auszuprobieren. Bevor es losging, musste jeder Spieler zum Speedtest. Mit diesem Test wird ausgeschlossen, dass der E-Rollstuhl schneller als 10 km/h fährt. Eine Spielregel von vielen. Diese Gefahr bestand bei unserer Mannschaft jedoch nur bei wenigen Spielern, da wir fast alle mit unseren Alltagsrollstühlen spielen und diese die vorgeschriebene Maximalgeschwindigkeit nur in Ausnahmefällen erreichen. Nur eine Mannschaftskollegin hat einen zusätzlichen Rollstuhl für unseren Sport, aber nicht mal der schafft 10 km/h. Jede Mannschaft bestritt 3 Testspiele. Logisch, bei 4 Mannschaften. Jedes einzelne Spiel wurde, wie beim Fußball für Fußgänger, professionell eingeleitet. Zuerst stellten sich die Mitglieder der spielenden Mannschaften in einer Reihe auf. Dann fuhr man aneinander vorbei, um sich ein gutes und faires Spiel zu wünschen. Auch die Schiedsrichter und Trainer taten das, nur ohne Rollstuhl. Anschließend wurde durch Münzwurf entschieden, auf welcher Seite des Spielfeldes das Spiel für die jeweilige Mannschaft beginnt. Apropos, das Spielfeld ist so groß wie beim Basketball. Was soll ich sagen, leider verloren wir alle drei Testspiele. Wir kassierten 3 bis 6 Gegentore. Es lag jedoch definitiv nicht an unserem Können, sondern an der technischen Ausstattung. Die anderen Mannschaften verfügten alle über Spieler-Rollstühle. Diese sind viel schneller und wendiger. Wir hatten einfach keine Chance. Wir haben jedoch viel gelernt und an Erfahrungen gewonnen.

 

 

19.08.2016:

 

Die Punktspiele begannen. D. h., wenn man ein Spiel gewinnt, erhält man 3 Punkte. Erzielt die Mannschaft ein Unentschieden bekommt sie 1 Punkt und verliert man ein Spiel, gibt es gar keinen Punkt. In unserem Fall entschied also die Anzahl der Punkte, welche Mannschaften am nächsten Tag um Platz 3 spielten und welche Mannschaften sich im Finale gegenüberstanden. Auch in den Punktspielen konnten wir kein Spiel für uns entscheiden. Der Grund ist bekannt und die Frustration tat ihr Übriges. Wir kassierten zweimal 7 Gegentore und gegen Österreich verloren wir haushoch mit 14:0. Am Ende des Tages liefen bei fast allen Spielern der deutschen Mannschaft inklusive unserer Trainer die Tränen. Die österreichische Mannschaft attestiert uns jedoch ein gutes Spiel und baute uns wieder auf. Das hätten die anderen Mannschaften bestimmt auch getan, nur hier war die Sprachbarriere einfach zu groß .

 

 

20.08.2016:

 

Der alles entscheidende Tag: die Österreicher und wir kämpften um Platz 3. Vorher feierten wir noch den Geburtstag unseres Technikers Thomas bei einem gemütlichen Frühstück und unserer Trainer gingen zu einem Meeting, welches sich mit der Weiterentwicklung und dem Aufbau von E-Rolli- Fußballmannschaften beschäftigte. Während des gesamten Turniers fanden übrigens immer wieder solche Treffen statt, an denen auch wir Spieler teilnehmen konnten, um Fragen zu stellen. Hoch motiviert fuhren wir zu unserem letzten Spiel. Einer unserer Begleiter hatte sogar eine Hymne für uns ausgesucht und war komplett in Deutschland-Farben gekleidet. Auch wenn wir wieder gegen die Österreicher verloren haben, eins können wir mit Gewissheit sagen: Unsere Fans waren die besten und vor allem lautesten! Auch wir waren, trotz einer 8:0-Niederlage fantastisch, da unsere Motivation zurückgekehrt und unser Teamgeist ungebrochen war. Die englische Mannschaft ging als Sieger des Turniers hervor. Herzlichen Glückwunsch zum großen, silbernen Pokal! Wir hatten jedoch auch etwas ganz besonderes zu feiern: Eine unserer Spielerinnen erhielt die einzige Strafe des Turniers - eine gelbe Karte! Ihr Rollstuhl fährt nur 7,5 km/h von zugelassenen 10 km/h. Dennoch hat sie es geschafft die Gegner so auszubremsen, dass es zu einer gelben Karte geführt hat. Das nennen wir vollen Einsatz, denn das muss man auch erst mal schaffen.

 

Im Internat zurück, fand die Ehrung aller Mannschaften statt. Die letzten 3 Plätze wurden mit einem kleinen, silbernen Pokal für jeden Spieler ausgezeichnet und die Engländer erhielten zusätzlich noch kleine goldene Pokale. Die Feierstimmung wurde jedoch durch eine schreckliche Nachricht getrübt. Ein irischer Spieler verstarb infolge eines Sturzes während des Turniers. Unser tiefes Mitgefühl gilt seinen Angehörigen und seiner Fußballmannschaft! Trotz allem ließen wir den Abend bei Musik und Getränken gemütlich ausklingen. Ich ergatterte sogar noch ein Autogramm von meinem Lieblingsschiedsrichter .

 

 

21.08.2016

 

Nach dem Frühstück verabschiedete sich unsere kleine Reisegruppe von der übrigen Mannschaft und allen Begleitern, wir verstauten alle Sachen im Auto und machten uns auf den Heimweg. Unsere Route führte uns diesmal über Maastricht. Dort übernachteten wir im barrierefreien „Hampshire Designhotel Maastricht“. Bevor wir jedoch ins Bett gingen, genossen wir das Essen bei einem Italiener uns feierten in Sarahs 30. Geburtstag hinein! Am nächsten Morgen starteten wir in die letzte Etappe unserer Reise. Sarah und ich hatten gar keine Lust auf Alltag. Denn es war einfach eine fantastische Zeit. Wir haben viele, neue Kontakte geknüpft und die Tage in Sevenoaks erinnerten mich irgendwie an die Ferienlager in meiner Kindheit. Ich freue mich jetzt schon riesig auf das nächste Turnier im Dezember in Österreich.

 

Anna Döring

 

 

Nachtrag:

 

Trotz dessen, dass wir alle Spiele und sogar fast unsere Motivation verloren haben, war es eine tolle Zeit, die uns so viel Spielerfahrung und Trainingsmöglichkeiten geboten hat, wie wir es hätten zu Hause niemals finden können. Tränen der Verzweiflung, weil man nicht so kann, wie man gerne will und Tränen der Freude, weil man dennoch alles gegeben hat. Es war ein ständiges Auf und Ab der Gefühle. Unser Team ist in dieser Zeit so sehr zusammen gewachsen. Viele neue Herausforderungen liegen nun vor uns. Ein großes Ziel ist die Beschaffung von besser geeigneten Rollstühlen, damit wir auf dem internationalen Parkett wirklich mithalten können. Vielen Dank sagen wir unseren Trainern, Angelika Zschornack und Lutz Grundmann, die jeden unserer Gefühlsausbrüche mitgetragen und wieder gerade gerückt haben, unseren Technikern Thomas Mittag und Stefan Wicklein, die jede Schraube wieder fest gezurrt und für unerwartete Schwierigkeiten Lösungen gefunden haben, unseren persönlichen Assistenten, Müttern, Vätern und Begleitern, ohne euch wäre so eine Reise undenkbar.

 

Unser größter Dank gilt aber vor allem unseren Unterstützern, die uns die finanziellen Mittel zur Verfügung gestellt haben, damit dieses einmalige Erlebnis für uns kein Traum bleiben musste. Vielen, vielen Dank.

 

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